Zu den Vorträgen
"Artificial Life" und
The Visible Human ProjectTM
von Claudia Reiche

Claudia Reiche
'Lebende Bilder' aus dem Computer
Konstruktionen ihrer Mediengeschichte

 

Schriftbild

Tableau vivant

 

Photographie

 
Kinematograph

Psychischer Apparat

Modellbau

 

'Artificial Life'

 

Game of LIFE

 

Genetik des Bildes

 

The Visible Human Project

 

Das Buch des Lebens

 

Benutzeroberflächen

 

Bildlegenden

 

Imaging the Cadaver



1. Am Anfang des Jahrhunderts bis in die 10er Jahre tauchten die Bezeichnungen "Das lebende Bild" bzw. auch "Theater lebender Bilder" als Namen für Kinos regelmäßig auf. Als Terminus war 'lebendes Bild', auch 'lebende Bilder' oder 'lebende Photographien' außerdem im Sinne einer allgemeinen technischen Bezeichnung der neuen Erfindung "photographischer Laufbildprojektion" in Gebrauch.  <
2. Meyers Konversationslexikon, Eine Encyklopädie des allgemeinen Wissens, Bd. 10, Leipzig-Wien 1890, 588.  <
3. Ebenda.  <
4. Walter Benjamin, "Über einige Motive bei Baudelaire", in: Gesammelte Schriften, Bd. I.2, hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt /M. 1980, 630.  <
5. Ebenda, 614.  <
6. Ebenda, 612-613.  <
7. "Das Geisterwesen bestünde in einem unfaßbaren Oszillieren zwischen Erscheinung und Verschwinden, An- und Abwesenheit, Sichtbar- und Unsichtbarsein, Nähe und Ferne, der Welt gegenüber immanent wie transzendent.", Hubertus von Amelunxen, "Prolegomena zu einer Phänomenologie der Geister", in: Sehsucht, Schriftenreihe Forum, Bd. 4., hrsg. von: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH, Göttingen 1995, 214.  <
8. Hermann Häfker, "Der Ruf nach Kunst", in: Hermann Häfker, Kino und Kunst, M. Gladbach 1913, 5-11, auch in: Prolog vor dem Film, hrsg. von Jörg Schweinitz, Leipzig 1992, 93.  <
9. Ian Christie, The Last Machine. Early Cinema and the Birth of the Modern World, London 1994, 10.  <
10. Das Malteserkreuz, das den intermittierenden Rhythmus des Filmtransports ermöglicht, ist ein flaches Flügelkreuz, das dem Ordenszeichen der Malteser ähnelt. Bereits vor seiner Verwendung im Kinematograph der Lumières fand es Verwendung in der Mechanik, insbesondere bei Uhrwerken.  <
11. Hollis Frampton zit. n. Christie, Last Machine, 7. "A machine was a thing made up of distinguishable 'parts', organized in imitation of some functions of the human body. [...] How a machine 'worked' was readily apparent to an adept, from inspection of the shape of its working parts [...] Cinema is the Last Machine."  <
12. Béla Balázs, Der sichtbare Mensch, 1924, in: Béla Balázs, Schriften zum Film, hrsg. von Helmut H. Diederichs et al., Bd. 1., Budapest 1982, 88.  <
13. Ebenda, 66.  <
14. Wolf Ritscher, "Über die Grenzen von Theater und Kino", in: Schweinitz (Hrsg.) Prolog, 412.  <
15. Lumière, "Le Squelette Joyeux", 1898.  <
16."Im projizierten Film wird eine Folge stationärer Bilder unterschiedlicher Konfiguration mit einem Bildwechsel zwischen 18 und 24 Doppelbildern pro Sekunde gesehen. Diese Bild-frequenz liegt oberhalb der Verschmelzungsfrequenz für die Bewegungswahrnehmung scheinbewegter Lichtmuster und kann daher von uns nicht von wirklicher Bewegung unterschieden werden.", Grundriß der Sinnesphysiologie, hrsg. von Robert F. Schmidt, Berlin-Heidelberg-New York 1980, 174.  <
17. Sigmund Freud, Die Traumdeutung. Gesammelte Werke, Bd. II/III, London 1942, 541.  <
18. Ebenda, 548.  <
19. Ebenda.  <
20. Vgl. zum Status medientechnischer Modelle bei Freud auch Jacques Derrida, "Freud und der Schauplatz der Schrift", in: Die Schrift und die Differenz, Frankfurt/M. 1972. Eine weiterführende Verbindung zwischen dem Text-Apparat "Wunderblock" als Modell des Psychischen, wie Derrida ihn diskutiert, zu dem hier entwickelten filmischen Modell des Psychischen kann ein besonderer Gebrauch des "Wunderblocks" stiften, der sich durch eine diskontinuierliche Rhythmik wie bei der Aufzeichnung einer Filmkamera auszeichnet. "Beim Wunderblock verschwindet die Schrift jedesmal, wenn der innige Kontakt zwischen dem den Reiz empfangenden Papier und der den Eindruck bewahrenden Wachstafel aufgehoben wird. [...] Denkt man sich, daß während die Hand die Oberfläche des Wunderblocks beschreibt, eine andere periodisch das Deckblatt desselben von der Wachstafel abhebt, so wäre das eine Versinnlichung der Art, wie ich mir die Funktion unseres seelischen Wahrnehmungsapparats vorstellen wollte.", Sigmund Freud, "Notiz über den Wunderblock", Gesammelte Werke, Bd. XIV, London, 7-8.  <
21. Den "psychischen Apparat" solcherart als sprachlichen zu entziffern, bildet auch die Kon-zeption von Jacques Lacans Freud-Lektüre. Vgl. Jacques Lacan, Das Seminar XI ,Olten 1978, 26, auch: Jacques Lacan, Das Seminar II, Olten 1980, 64: "Die kompliziertesten Maschinen sind nur mit Worten gemacht."  <
22. Edgar Morin zitiert den Arzt Lebovici, in: Edgar Morin, Der Mensch und das Kino. Eine anthropologische Untersuchung, Stuttgart 1958, 91.  <
23. Vgl. Steven Levy, KL – Künstliches Leben aus dem Computer, München 1993.  <
24. Ebenda, 11.  <
25. Ebenda, 294-395.  <
26. Ed Fredkin zit. n. Levy, ebenda, 82.  <
27. vgl. John von Neumann, "Allgemeine und logische Theorie der Automaten" (1951), in: Kursbuch 8, März 1967, 139-175.  <
28. Ebenda, 149.  <
29. Elwyn R. Berlekamp, John H. Conway et al., Gewinnen – Strategien für mathematische Spiele, Band 4: Solitärspiele, Braunschweig 1984, 123-155;, Florian Rötzer, "Alles ein Spiel mit tödlichem Ausgang? Vom Homo Ludens zum Ludo globi", in: Kunstforum international, (129) 1995, 65-70.  <
30. "Universelles Automatenmodell, das 1936 vom britischen Mathematiker A. M. Turing vorgeschlagen wurde. [...] Eine universelle Turingmaschine kann also wie ein Computer 'programmiert', d.h. mit der Beschreibung eines Algorithmus versehen werden und somit beliebige Algorithmen berechnen. Ein Computer ist in diesem abstrakten Sinne nichts anderes als eine universelle Turingmaschine."  Duden, Informatik, Mannheim 1993, 737; 750.  <
31. Levy, KL, 69.  <
32. Berlekamp, Gewinnen, 123-155.  <
33. Ebenda, 123.  <
34. Ebenda.  <
35. Ebenda.  <
36. Ebenda.  <
37. Ebenda.  <
38. Geradezu als Modell aller Konfigurationen zweidimensionaler Zellularautomaten wirkt der "glider" noch heute in der Begrifflichkeit des Artificial Life weiter. "For simplicity call all such configurations gliders though their velocity may vary between zero and the systems 'speed of light'.", Andrew Wuensche, "The Ghost in the Machine. Basins of Attractions of Random Boolean Networks", in: Artificial Life III, Proceedings of the Workshop on Artifical Life 1992, hrsg. von Christopher G. Langton, Santa Fe, Reading MA, 1994, 473.  <
39. Berlekamp, Gewinnen, 123.  <
40. Ebenda, 154.  <
41. Conway zit. n. Levy, KL, 75-76.  <
42. Berlekamp, Gewinnen, 131.  <
43. Ebenda, 127.  <
44. Ebenda.  <
45. Das Magazin Time errechnete, daß LIFE-Spieler, die in nächtlichen Sitzungen Simulationen auf Institutsrechnern betrieben, dadurch Dollarbeträge in Millionenhöhe verschwendeten, daß sie wertvolle Rechenzeiten der Computer verbrauchten. Es existierte auch ein eigenes Magazin, nur zum Thema LIFE, in dem neue Entdeckungen über Muster und ihr Verhalten veröffentlicht werden konnten.  <
46. Diese CAMs (für Cellular Automata Machines) sind aus herkömmlichen Mikroelektronik-Bauteilen zusammengesetzt; mit einem Farbmonitor verbunden und werden zusätzlich von einem Kleinrechner, einem Atari 800 gesteuert. Die Zustände aller Zellen eines Feldes von der Größe 256 x 256 werden 60 mal pro Sekunde seriell neu berechnet.  <
47. Levy, KL, 86.  <
48. Brian Hayes, "Zelluläre Automaten", in: Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 1988, 183.  <
49. Stephen Wolfram, "Software für Mathematik und Naturwissenschaften", in: Spektrum der Wissenschaft. Chaos und Fraktale, Heidelberg 1989, 196.  <
50. Ebenda, 197.  <
51. http://www.nlm.nih.gov/factsheets.dir/visible_human.html, Stand 9.1.1996.  <
52. Eine Namensgleichheit besteht hier zu einem der ersten interaktiven Anatomie-Lernprogramme (für Macintosh PCs) aus den USA. "ADAM", als "Animated Dissection of Anatomy for Medicine" verfügt über ein Bildlexikon mit hunderten von Illustrationen zum Studium des menschlichen Körpers und bietet die Möglichkeiten zu interaktiven Sektionen. Auch als allgemeine Edutainment Software der Firma  "Adam" existiert in Form einer CD-ROM für Windows ein Programm mit den Namen "A.D.A.M. The Inside Story". Copyright-Fragen sollen die Bezeichnung "Adam" auch für das gesamte Projekt "Visible Human" verhindert haben.  <
53. http://www.ucar.edu/METHSCI/VHP.html, Stand 24.1.1996.  <
54. Maria Biel, "Die phantastische Schöpfung des ersten (echten) digitalen Menschens", in. PM, (2) 1996, 90. – Diese Angabe muß nach dem Stand von 1996 bereits als überholt angesehen werden, da die durchschnittliche Kapazität eines neuen PCs bereits ein Gigabyte beträgt, es also nur noch 15 PCs bedürfte, um das Datenset des Visible Human Male zu speichern.  <
55. Die 15 Gigabyte des männlichen "Visible Human" werden von der National Library of Medicine auch zum Kauf angeboten: auf 8 Magnetbändern, unterteilt entsprechend den verschiedenen Körperregionen vom Kopf bis zu den Füßen. Bei Bezug der kompletten Datenmenge ist "the first digital description of an entire human being" mit Mengenrabatterhältlich – zu einem berechenbaren Durchschnittspreis pro bit. Via Internet ist nach vorherigem Antrag und der Versicherung einer nicht kommerziellen Verwertung die Datenmenge es "Visible Human" auch "kostenlos" zu beziehen, wie in Informationsblättern und journalistischen Berichten immer wieder betont wird. Allerdings müßte bei derartigem Vorgehen theoretisch mit ca. 8 Wochen Down-Load Zeit gerechnet werden, in der eine Telefonverbindung bestehen bleiben müßte, nimmt man als Berechnungsgrundlage ein durchschnittliches 28.000 Baud Analog- Modem an.  <
56. Maria Biel, "Schöpfung", 87-91.  <
57. Frankfurter Rundschau, 29.11.1995, 34.  <
58. BILD-Zeitung, Hamburg, 1.2.1995, 4.  <
59. Frankfurter Rundschau, 29.11.1995, 34.  <
60. Offenbarung 20,1. "Und ein anderes Buch ward aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach der Schrift in den Büchern, nach ihren Werken."  <
61. Frankfurter Rundschau, 29.11.1995, 34.  <
62. http://www.ucar.edu/METHASCI/VHP.html, Stand 24.1.1996.  <
63. Prisma Magazin, 27.2.1996, N3.  <
64.Der aktuelle Stand derartiger Simulationen läßt allerdings diese Prognosen als sehr gewagt erscheinen. Qualitativ zu unterscheiden sind hierbei die Simulation mechanischer Eigenschaften des menschlichen Körpers – natürliche Bewegungsabläufe oder Reaktionen auf medizinische Eingriffe – gegenüber der Simulation von Prozessen auf der Ebene der Zellstruktur wie sie Alterung oder Tumorwachstum darstellen. Stellt bereits eine ungefähre Nachahmung der verschiedenen mechanischen Gewebeeigenschaften mit unterschiedlichen Spannungen, Widerständen u. a. ein noch nicht gelöstes Problem dar, so kann die Darstellung von zellulären Prozessen als noch nicht annähernd erfaßt gelten. Die illustrierenden Bilder im Fernsehbeitrag, die sowohl einen "Schnitt" ins Bein, als auch das "Wachsen" eines roten Tumors zu sehen gaben, müssen insofern als fiktive Tricksequenzen gewertet werden, da nur eine flüchtige Ähnlichkeit mit der visuellen Erscheinung dieser Prozesse in vorgefertigten Clips gezeigt wurde. Das heißt konkret: Das scheinbare Aufspringen von Haut und Muskeln des Beins entlang der Bewegung des virtuellen Skalpells wurde als Einfügung eines Keils in den gesamten Beinkegel berechnet, das "Wachsen" des "Tumors" als begrenzte Ausbreitung eines unregelmäßigen Flecks.  <
65. Sogar eine Übersetzung dieser Technologie in einen tatsächlichen chirurgischen Eingriff an einem Patienten wird geplant. Werden nämlich Daten eines anderen lebenden Körpers, z.B. aus einer Serie von Computertomographien, mit der Simulation des digitalen "Adam" verrechnet (gematcht), könnte dieser andere Körper ebenfalls als Simulation erzeugt werden. Die virtuelle Probe für einen tatsächlichen Eingriff soll dann an diesem Modell durchgeführt werden können, mit den gleichen Steuerbefehlen und -gesten wie der Eingriff selbst. Voraussetzung für einen realen Eingriff ist ein angeschlossenes Telepräsenzsystem, das die Operationsgesten des Chirurgen auch über große Entfernungen hinweg durch einen Operationsroboter in echte Schnitte in den Körper des Patienten übersetzen soll.  <
66. http://www.npac.syr.edu/projects/vishuman/VisibleHuman.html, Stand vom 24.1.1996. Im Rahmen des "Visible Human Visualization Project" am Northeast Paralell ArchitecturesCenter, Syracuse University entwickelten Michael Chang und Paul Coddington den "Visible Human Viewer", der prämiert wurde. (DEC/1995. #A011221-4 .JARS Awards). Ähnliche Möglichkeiten bietet auch "HCIL Visible Human Explorer Prototype, Alpha Release", http://www.cs.umd.edu/projects/hcil/Research/1995/vhe.html, entwickelt von Chris North vom Human- Computer Interaction Lab at the University of Maryland at College Park, sowie die CD-ROM Version des "Visible Human" der Erasco GmbH, die bei reduzierter Datenmenge und Auflösung ebenfalls erlaubt, mehrere Schnittbilder unterschiedlicher Bildorientierung gleichzeitig zu betrachten.  <
67. Z.B. eines VOXEL- MAN Atlasses, wie es zur Zeit im Institut für Mathematik und Datenverarbeitung in der Medizin (IMDM) des Hamburger Universitätskrankenhauses Eppendorf unternommen wird. Informationen über Forschungsstand und Projekte des Instituts zum "Visible Human" werden ausführlich im World Wide Web publiziert: http//:www.uke.uni-hamburg.de/~medizin/institutes/IMDM/IDV/VisibleHuman.html.  <
68. Eine aktuelle Benennung dieser bildlichen Animation bietet der Fachterminus aus der digitalen Bildbearbeitung: "to browse through the stack". Wenn eine Folge von Querschnittsbildern im Rechner vorliegt, so erzeugt sich ein Bewegungseindruck durch ein schnelles "Durchmustern" oder "browsen" durch den Stapel, den "stack" der Bilder hindurch, ganz wie beim frühen "Daumenkino" oder "Abblättbüchlein", wenn einzelne Blätter mit sukzessiven Bildern am Daumen schnell abgeblättert werden.  <
69. 2.2. 1995, Spiegel-TV, RTL, 30.8.1995, Praxis extra, Röntgen – 100 Jahre Durchblick, ZDF, 27.2.1996, Prisma Magazin, N3.  <<
70. Bildtechnisch und -ästhetisch wäre diese Animation der einzelnen Querschnittsbilder direkt zu vergleichen mit einer bildtechnischen Erfindung von 1921. Der Filmavantgardist Oskar Fischinger aus dem Kreis des "absoluten Films" entwickelte die sogenannte "Wachsschneidemaschine". Abstrakte Phasenbilder mit minimalen Bildveränderungen für die Erfordernisse der filmischen Projektion konnten mit dieser Maschine schneller als durch je einzelne Zeichnung entwickelt werden. Ein zusammengekneteter Strang aus verschiedenfarbigem Kaolin wurde in einer automatischen Schneidevorrichtung in dünnen Schichten aufgeschnitten. Jede Schnittfläche von einer Filmkamera in Einzelbildschaltung aufgenommen. Die Projektion zeigte sich verwandelnde, abstrakte Formen in dynamischer Bewegung.  <
71. http://www.ucar.edu/METHASCI/VHP.html, Stand 24.1.1996.  <
72. "A custom-designed cryogenic macrotome was then used to remove one millimeter (1mm) sections of the frozen cadaver, revealing slice-by-slice the beauty and detail within.", ebenda.  <



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