Heike Breitenfeld

   

Arbeit

 
 
       
 

Japanese Lunch Boxes

   


Die hier dargestellte Arbeit entstand im Oktober 1997 während eines zweimonatigen Reisestipendiums in Tokyo und wurde erstmalig in der Ausstellung "Serialität, Reihen und Netze" realisiert.


1. Arbeitskonzeption:

Nahrung wird in Tokyo in geradezu erschlagendem und sehr bildhaftem Überangebot feilgeboten. Es gibt zahlreiche Supermärkte und Convenience Stores, deren Machart sehr vertraut ist. Das Angebot dagegen ist weitgehend fremd: Da die Waren meist in Kanji-Zeichen ausgewiesen sind, konnte ich nur selten etwas entziffern. Die fremde Nahrung muß befühlt, betastet, gerochen, erkundet werden, selbst im Supermarkt, wo nahezu alles in Plastik eingeschweißt ist. Die Zubereitung oder die Art und Weise des Zu-sich-nehmens muß teilweise neu erfunden werden, wobei man sich zumeist im Rahmen der eigenen kulturell geprägten Gewohnheiten verhält. Diese tägliche Übersetzungsarbeit habe ich mit der Fotokamera dokumentiert, in dem ich meine zufällig mitgebrachte Plastikbrotdose als O-Bento* nutzte, und dreimal täglich mit neuen Nahrungskombinationen füllte. Die Arbeit erstreckt sich auf vier Wochen und umfaßt 84 Fotos. Die Tageszeiten sind durch die Hintergrundfarben unterschieden: Blau für den Morgen, Rosa für den Mittag und Gelb für den Abend. Die gewählten Kombinationen werden, liest man sie chronologisch von links nach rechts, immer fremdartiger, was einer Erweiterung meines Nahrungshorizontes durch den Austausch mit Einheimischen entspricht. Meine "heimische" Brotdose fungierte gleich eines mitgebrachten (kulturellen) Rahmens für meine Übersetzungen. Die perspektivlose Aufsicht macht sie zu Bilderzeichen, die ich zu einem (Schrift-) Band von 28 in der Waagerechten und 3 in der Senkrechten aneinanderreihe. Die Tage verlaufen dabei senkrecht von oben nach unten. Erst durch ihre Aneinanderreihung entstehen 3 Farbbänder, die parallel zueinander laufen (Blau, Rot und Gelb).

* O-Bento ist ein japanisches Menü, in einer Schachtel angerichtet, zum Mitnehmen für unterwegs oder Mitbringen (auch als Geschenk).


2. Realisation:

Die Fotos (Dias) werden im Einzelformat 27 x 17,5 cm digital ausgedruckt. Diese werden dann gleich einem Vries oder Laufband, wie oben beschrieben, direkt auf die Wand geklebt. Die gesamte Arbeit erstreckt sich auf ca. 7,60 x 0,54 m. Die direkte Verklebung (mit Folie) auf der Wand bedeutet, daß die Arbeit für jede weitere Installation erneut reproduziert werden muß, wie auch Nahrungskompositionen immer wieder zerstört und wieder hergestellt werden.


aus meinem Reisebericht

Essen spielt in Japan eine stark kommunikative Rolle. Zum einen wird viel über das Essen (ähnlich wie bei uns über das Wetter) geredet, zum anderen wird viel beim Essen geredet und zum weiteren findet in Japan kein Treffen ohne Essen statt. Ich habe mehrfach versucht, mich mit JapanerInnen nur zum Bier zu treffen, letztendlich haben sie immer etwas zum essen bestellt. Bei solchen Anlässsen werden immer mehrere Gerichte bestellt, von denen alle essen. Die Sitte des gemeinschaftlichen Essens wird auch von der Fast-Food Version des japanischen Restaurants, der Sushibar, verdeutlicht: Alle Gäste sitzen um ein Oval vor einem laufenden Fließband frisch zubereiteter Sushis. In der Mitte des Ovals werden die Sushis vor aller Augen zubereitet, wie es in einem guten japanischen Restaurant üblich ist. Dies dient zum einen dazu, die Frische der Zutaten zu kontrollieren, zum anderen gilt die Zubereitung von Speisen als ästhetische Kunstfertigkeit, wie das Ergebnis meist sehr deutlich macht. Wie ich schon in meinen Vorstudien mutmaßte, spielt der Augensinn in Japan eine enorm große Rolle. So ist z. B. eine Speisekarte ohne die entsprechenden Abbildungen eher unbeliebt. Dies führt in direkter Konsequenz zu den Wachsnachbildungen von Speisen, die man in den Auslagen aller gastronomischen Einrichtungen findet.
Das Verblüffende an diesen Wachsmodellen ist ihre detailgetreue "Echtheit", wie ihre in glänzenden Lack getauchte für mich eher wenig appetitliche Künstlichkeit. Ich glaube, daß es den JapanerInnen weniger um "Echtheit" als vielmehr um Kunstfertigkeit und ein bildhaftes Zeichen geht. Die Lesart scheint mir weit abstrakter als solch farbenprächtige Modelle vermuten ließen. Die Modelle, ebenso wie die Abbildungen, bezeichnen eine bestimmte Auswahl an Speisen, die sich in unterschiedlichen Variationen in den Auslagen der Gastronomie stetig wiederholen. Trotz der detaillierten Darstellung kennzeichnen sie das Gericht als Ganzes, das von den Kunden aufgrund typischer Merkmale identifiziert wird. Dies wurde mir besonders an den Modellen für europäische Gerichte deutlich: In solch japanischer Stilisierung wirkten Spaghetti Bolognese, Eisbein mit Sauerkraut und Labskaus auf mich wie Karikaturen europäischer Eßkultur.
Die Typisierung dieser Gerichte im Wachsmodell ist ein kultureller Transfer, eine anschauliche Übersetzung ins Japanische. Ich selbst war natürlich sehr viel mit dem Übersetzen beschäftigt: Gerade, was die Nahrungsaufnahme anbelangte, gelang eine rein sprachliche Übersetzung meist nicht. Was man nicht kennt, kann man nicht benennen. Die Annäherung an das Fremde gleicht der eines Kindes: Vorsichtig wird die Nahrung mit allen Sinnen abgetastet. Sollte keine dieser Annäherungen einen Vergleich mit etwas Vertrautem ermöglichen, wie z. B. das riecht wie ...., muß die Geschmacksprobe riskiert werden. Die ästhetische Zubereitung der meist äußerst schmackhaften Speisen erschwert Europäern zunächst die Nahrungsaufnahme. Stilisierung und Künstlichkeit gelten uns als gefährlich, möglicherweise giftig. Künstlichkeit ist Verführung und Ablenkung von wahrer Essenz. In Tokyo las ich Roland Barthes "Im Reich der Zeichen", der über das japanische Essen folgendes schrieb:
"Die japanische Rohkost ist wesentlich visueller Natur; sie bezeichnet einen bestimmten Farbzustand von Fleisch und pflanzlicher Nahrung. (...) Gänzlich visuellen Charakters (für den Blick gedacht, zusammengestellt und bearbeitet, ja für den Blick eines Malers oder Zeichners), sagt die Nahrung, daß sie nicht tiefgründig ist: Die eßbare Substanz besitzt kein kostbares Herz, keine verborgene Kraft, kein Lebensgeheimnis: Keine japanische Speise hat ein Zentrum (ein Speisezentrum, wie es unser Ritus mit sich bringt, der die Mahlzeit in ihrem Ablauf zu ordnen und die Gerichte einzurahmen und mit Überzügen zu versehen sucht); alles ist hier Verzierung einer weiterer Verzierung: zunächst, weil die Speise auf dem Tisch oder der Platte niemals mehr als eine Ansammlung von Fragmenten darstellt, von denen keines durch eine Ordnung des Verzehrs priviligierter scheint: speisen heißt nicht ein Menü, eine Speisefolge einhalten, sondern mit der leichten Berührung der Stäbchen bald hier bald dort eine Farbe aufnehmen, ganz so, als folgte man einer Eingebung, die in ihrer Langsamkeit wie eine abgehobene, indirekte Begleitung zur Konversation erscheint (...)"

Heike Breitenfeld, 1999