Anja Krämer

   

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 Die Fassade dürfte den Stilformen nach zu urteilen um 1520 errichtet worden sein. Im unteren Bereich besteht sie fast nur aus Fenstern. Die Fenstereinfassungen sind aus Sandstein gearbeitet und reich profiliert. Die

Fensterstürze zeigen das Vorhangbogenmotiv und dichtes, plastisch gestaffeltes Blendmaßwerk. Sowohl das Baumaterial wie auch die Formen sind für Danzig ungewöhnlich. Man vermutet, daß hier Bauleute aus dem Rheinland oder aus Flandern am Werk waren.[7]

 

 

 

 Die Fassadenzeichnung war durch Vermittlung des Oberpräsidenten der Provinz Ost- und Westpreußen, Theodor von Schön in die Publikation gelangt. Auch als der Abbruch des Hauses bevorstand, engagierte sich von Schön nochmals. Er nahm Kontakt mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. auf.[8] Der König kaufte daraufhin die Fassade und ließ sie nach Berlin transportieren. Dort beauftragte er seinen Baumeister, Karl Friedrich Schinkel[9] mit dem Wiederaufbau der Originalteile.

 

 

 

 Schinkel verwendete das Fassadenmaterial zum Umbau des Kavalierhauses auf der Pfaueninsel bei Potsdam. Diese Insel liegt mitten in der Havel zwischen Wannsee und Potsdam. Der König hatte zunächst vorgehabt, die Fassadenteile freistehend als reine Kulisse aufzustellen. Schinkel, dem dieses Vorgehen widerstrebte, schlug dagegen vor, die originalen Bauteile dem 20 Jahre zuvor erbauten Kavalierhaus von Baumeister Ludwig Carl Krüger vorzublenden.[10]

 

 

 

 Das Krügersche Kavalierhaus war ein landwirtschaftliches Nutzgebäude mit

einem eingeschossigen Mittelbau zwischen zwei Türmen gewesen. Vor dem Umbau besaßen beide Türme jeweils nur zwei Geschosse und waren gleich hoch.[11]

Schinkel blendeten nun dem rechten Turm die gesamte Danziger Fassade vor. Vergleicht man die ältere Bestandszeichnung mit dem Wiederaufbau, so sieht man, daß Schinkel weder die Gliederung noch die Proportionen der Fassade veränderte. Vielmehr paßte er das bestehende Kavalierhaus den Gegebenheiten der gotischen Fassade an: Der rechte Turm war durch die vorgegebene Fassadenhöhe sehr hoch geworden. Schinkel stockte deshalb auch den Mittelbau des Kavalierhauses um eineinhalb Geschosse und den linken Turm um zwei Geschosse auf. Außerdem glich er alle Fassaden den Danziger Formen an. Dabei unterschied er deutlich zwischen originalen und neuen Teilen, indem er die neugeschaffenen Dekorationen aus Putz aufstuckieren ließ. Die originalen Teile blieben so an ihrem Sandsteinmaterial erkennbar. Schinkel arbeitete also schon damals mit einem Ethos, daß noch für heutige Denkmalrestaurierungen gilt: Original und Ergänzungen deutlich ablesbar zu unterscheiden.

 

 

 

 Insgesamt kann man die Rettung der Fassadenteile als frühen denkmalpflegerischen Akt ansehen. Allerding muß man sich bewußt machen, daß mit der Fassade nur ein Bruchteil des Danziger Bürgerhaus erhalten blieb. Das komplette Hausgefüge mit seinen Grundrissen und Raumfolgen sowie die gesamte Ausstattung gingen vorloren. Dabei wurde mit der materiellen Substanz auch der größte Teil der Geschichte des Hauses und seiner Bewohner zwischen den Jahren 1520 und 1823 unwiederbringlich ausgelöscht.

 

 

 

 Der Umbau des Kavalierhauses dauerte bis zum Jahr 1826. Ausgehend von den originalen Fassadenteilen hatte Schinkel eine neue Architektur geschaffen.

Der Potsdamer Baukörper hat nichts mehr mit dem Danziger Bürgerhaus zu tun. Auch tritt der städtische Charakter der Fassade in der neuen Gesamtkomposition zurück. Das umgebaute Gebäude erinnert vielmehr an einen neugotischen englischen Landsitz.

 

 In dieser Erscheinung paßt das Kavaliergebäude sehr gut zu den übrigen romantischen Bauten der Insel. Zu diesen gehört z.B. ein Schloß, das als bewohnbare Burgruine gestaltet ist, oder der landwirtschaftliche Betrieb einer Meierei in der Form einer gotischen Kapellenruine. Um die Bedeutung des Kavalierhauses weiter zu steigern, wurde der Ortswechsel der Fassade in einer Legende zusätzlich überhöht. Man erzä hlte sich, die Fassade stammeursprünglich aus Venedig, sei von dort über Nürnberg, die mittelalterlichste der deutschen Städte nach Danzig und dann weiter nach Potsdam gelangt.[12]

 

 

 Obwohl das gotische Haus aus der Brotbänkengasse 14 nun seit 1823 nicht

mehr in Danzig stand, taucht es weiterhin in Veröffentlichungen über die Bauwerke der Stadt auf. Abgebildet wird dabei jeweils der Turm des Potsdamer Kavalierhauses.[13] Der Verlust des Bürgerhauses für Danzig blieb damit weiterhin im Bewußtsein. So ist es nur folgerichtig, daß man nach der großflächigen Zerstörung der Danziger Altstadt im Zweiten Weltkrieg nicht nur kriegszerstörte Gebäude wieder aufbaute, sondern bis zum Jahr 1979 auch das gotische Haus. Die Originalteile auf der Pfaueninsel lieferten ja

eine gute Vorlage für eine Kopie.

 

 

 

 So kam es also zur Verdoppelung der Fassade. Und ebenfalls folgerichtig trägt jeder der beiden Bauten den Namen seiner Herkunft: das Potsdamer Kavalierhaus wird auch als "Danzig-Haus" bezeichnet, der Nachkriegsbau in Danzig firmiert unter dem Namen "Potsdam-Haus".

 

 

 

 Das verlorengegangene Hausganze des gotischen Hauses konnte freilich auch mit der Nachkriegskopie nicht mehr zurückgeholt werden. Nur das optische Straßenbild wurde wieder hergestellt. Allerdings scheint das gotische Haus nicht mehr am alten Standort zu stehen, sondern um ein Grundstück versetzt neu errichtet worden zu sein. So lautete die alte Adresse Brotbänkengasse 14, während der Neubau die Hausnummer 13 trägt.[14]

   
   
 
 
     

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