Anja Krämer

   

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 Solche Veränderungen kommen bei Wiederaufbauten, Rekonstruktionen oder Kopien häufig vor. Trotzdem wird unter dem Begriff "originalgetreu" üblicherweise die absolute Übereinstimmung der neuen Teile mit einem

Original behauptet. Meist ist jedoch schon die Bestimmung schwierig, was überhaupt als Originalgebäude zu definieren ist. Es erweist sich auch immer wieder, daß die Möglichkeit für Veränderungen während eines Neubaus viel zu verführerisch ist, als daß sie nicht auch genutzt würde. Das folgende Beispiel aus Mainz wird dies deutlich zeigen.

 

 

 

 In Bezug auf das Thema Serie kann man für das Danzig-Potsdam-Beispiel folgendes festhalten: Das gemeinsame Merkmal des 1823 abgebrochenen Originalgebäudes, des Kavalierhauses und des Nachkriegsneubaus ist die Gestaltung der Fassade. Der Bezugspunkt für die beiden letzten Bauten ist

der nicht mehr existierende gotische Erstbau. Die Fassade dieses Erstbaus ist gewandert und sie hat sich verdoppelt. Das gotische Bürgerhaus wurde zum Ursprung einer Serie mit den Variationen Turm eines neogotischen Landhauses und Wohngebäude der Nachkriegszeit.

 

 

 

 Hinzuzufügen ist noch, daß das Danziger Beispiel kein Einzelfall ist. So nutzte man etwa Bauwerke von regionaler und stilgeschichtlicher Bedeutung, die bereits vor dem Krieg in das polnische Freilichtmuseum Olstynek translozierte worden waren, als Vorlagen für Kopien dieser Häuser in den kriegszerstörten Herkunftsstädten und -dörfern.[15] Auch diese Bauwerke gibt es mittlerweile also zweimal. Polemisch gesprochen fungierte das Freilichtmuseum hier wie ein Magazin von Druckstöcken zur Herstellung neuer Abzüge.

 

 

 

 

 

 Bürgerhaus Mainz

 

 

 

 Eine weitere Serie im Umfeld der Denkmalpflege entwickelte sich aus dem Mainzer "Haus zum Fuchs".[16] 1983 wurde an der nördlichen Marktplatzseite von Mainz die Variante III dieses Gebäudes erstellt.

 

 

 

 Bei der historisch anmutenden Häuserzeile am Mainzer Marktplatz handelt es sich um eine reine Fassadenarchitektur. Sie kaschiert die in den fünfziger Jahren hier errichteten Nachkriegsbauten. Ähnlich wie in Frankfurt oder Hildesheim war auch in Mainz Ende der siebziger Jahre die Unzufriedenheit mit den nüchternen Rasterfassaden der Fünfziger-Jahre-Architektur soweit angewachsen, daß man Wettbewerbe zur Rehistorisierung der zentralen Plätze ausschrieb. In Frankfurt betraf die Neugestaltung den Römerberg,[17] in Hildesheim den Marktplatz mit dem Knochenhauer-Amtshaus.[18] Von Rekonstruktionen kann man aufgrund der großen Veränderungen, die im Zuge der Baumaßnahmen durchgeführt wurden, in all diesen Fällen nur sehr bedingt sprechen. Am Beispiel des Haus zum Fuchses wird dies besonders deutlich. Es steckt ein nicht lösbarer Widerspruch in dem Wunsch, Geschichte neu zu produzieren.

 

 

 

 Der Ursprungsbau des Haus zum Fuchs, Variante I stand in der Augustinerstraße 67, die in der Mainzer Altstadt südlich des Domes liegt. Die neue Variante III am Mainzer Marktplatz befindet sich dagegen auf der Nordseite des Domes.

 

 Beim Ursprungsbau handelte es sich um ein barockes Gebäude, das in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts erbaut wurde. Eine um 1900 angefertigte Rekonstruktionszeichnung dokumentiert den Bauzustand am Ende des 18. Jh. Sie läßt zusammen mit historischen Photographien noch einige Rückschlüsse zur Baugeschichte zu: Im 1. Obergeschoß deuten Pilaster und ein horizontales Abschlußgesims darauf hin, daß das Gebäude ursprünglich nur zweigeschossig war. Über dem Gesims folgte vermutlich direkt das Dach.

Bestätigt wird diese Annahme durch archivalische Quellen, die von einer Aufstockung in den achtziger Jahren des 18. Jh. berichten.[19] Das Haus zum Fuchs I erhielt also erst in dieser Zeit sein drittes Geschoß. Im späteren 19. Jh. kam dann noch ein viertes, durch Fotos dokumentiertes Geschoß hinzu.

 

 

 

 1903 fiel das Haus zum Fuchs I einer Straßenverbreiterung im Zusammenhang mit dem Ausbau der Straßenbahn zum Opfer. Ähnlich wie im Fall des Danziger Hauses war man sich auch in Mainz des kunsthistorischen und stadtbaugeschichtlichen Wertes des Gebäudes bewußt.[20] Dies gilt besonders für die Schaufassade mit ihrer feinen Steinmetzarbeit und dem in Mainz nur sehr selten vorkommenden Mittelerker. Deshalb baute man vor dem Abbruch die Werksteinteile auf Antrag des Denkmalpflegers aus und lagerte sie  für eine künftige Wiederverwendung ein.

 

 

 

 Nur wenige Jahre nach dem Abbruch, um das Jahr 1906 herum, wurde ein neues Beamtenwohnhaus am südwestlichen Altstadtrand von Mainz geplant. Dabei entschloß man sich, die geborgenen Steinteile an einer Front des Neubaus zu verwenden. So entstand unter Planung von Regierungsbaumeister Kurt Röhrich die Variante II des Hauses zum Fuchs mit der neuen Adresse Kästrich 1. Es handelte sich bei diesem Bauprojekt jedoch nicht um eine Kopie oder eine Rekonstruktion des Ursprungshauses, sondern um eine freie Komposition, die sich nur an den geborgenen Originalteilen zu orientieren hatte. Auf die Verwendung der älteren Versatzstücke wurde außerdem explizit auf einer Tafel im Treppenhaus des Neubaus hingewiesen.[21]

 

 

 

 Da die Fassade am Kästrich breiter war als die des Ursprungsgebäudes, fügte man beidseitig des Erkers zusätzliche Pilaster ein. Alle Pilaster zog man nun bis zum Traufgesims des 3. Obergeschosses hinauf - man beabsichtigte ja nicht, die Baugeschichte des ersten Hauses zum Fuchs nachzubauen, sondern bemühte sich um eine folgerichtige und regelmäßigere Gliederung der neuen Fassade. Den Mittelteil betonte man mit einem neuen Zwerchhaus. Auch im Erdgeschoß schuf man eine an den neuen Bedürfnissen orientierte Fenstergliederung, die nichts mehr mit dem Haus zum Fuchs, Variante I zu schaffen hat.

 

 

 

 Die Planungen zur Rehistorisierung des Mainzer Marktplatzes begannen imJahr 1975. Von Anfang an wurde innerhalb einer barocken Häuserzeile der Nachbau des Hauses zum Fuchs vorgeschlagen, obwohl es nie am Marktplatz gestanden hatte. Da die Fassade des Hauses zum Fuchs III einem bestehenden Fünfziger-Jahre-Bau vorgeblendet wurde, mußten auch hier die Proportionen verändert werden. Dabei orientierte man sich jedoch nicht an den Photographien oder Zeichnungen der Variante I, die mit einer Breite von ca. 9 Metern viel eher mit der neuen Fassadenbreite von ca. 10,8 Metern übereingestimmt hätte, sondern man modifizierte den freien Fassadenentwurf der Variante II vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Dieser besitzt eine Breite von insgesamt 15,9 Metern. Man mußte also die gesamte Gliederung um gut fünf Meter enger zusammen schieben. Deshalb reduzierte man die äußeren Doppelfenster zu Einfachöffnungen. Die zusätzlichen Pilaster und die über beide Obergeschosse reichende Kolossalordnung der Variante II behielt man dagegen bei. Für die Ladennutzung im Erdgeschoß der Variante III am Marktplatz vervielfachte man einfach das Portal der Variante II zu einer Rundbogenarkade. Das Ovalfenster im Giebel des Zwerchhauses wurde aus Platzmangel kurzerhand senkrecht gestellt. Schließlich erhielt sogar der alte Hausname eine neue Interpretation, indem man den Kopf eines bärtigen Mannes am Konsolstein des Erkers durch ein Portrait des Mainzer Oberbürgermeisters Jockel Fuchs ersetzte.

 

 

 

 Es wäre also vermessen zu behaupten, der Neubau am Marktplatz spiegle das Erscheinungsbild eines barocken Gebäudes oder gar das des verlorengegangenen Hauses zum Fuchs I wieder. Doch ungeachtet aller Veränderungen wurde die neue Häuserzeile mit der Variante III des Hauses zum Fuchs als "originalgetreue" Rekonstruktion der historischen Marktplatzfassade gepriesen und größtenteils auch akzeptiert. Die Veränderungen erklärte man kurzerhand als nachträgliche Verbesserungen unserer Zeit.[22]

 

 

 

 

 Die Gebäudeverdoppelungen in Danzig/Potsdam und Mainz wurden im Umfeld der Denkmalpflege angesiedelt. Dies drückt eine gewisse Hilflosigkeit aus, ganz unterschiedliche Bestrebungen zu ganz unterschiedlichen Zeiten unter einem Begriff zu vereinen. Von Schinkel bis in die Gegenwart haben sich die Standpunkte der Denkmalpflege mehrmals verändert. Doch gibt es auch heute recht unterschiedliche Strömungen innerhalb und am Rande der Denkmalpflege. Am deutlichsten hat sich das in den letzten Jahren an den viel diskutierten Wiederaufbauprojekten wie der Dresdener Frauenkirche oder dem Berliner Stadtschloß gezeigt.

 

 

 

 Auch die beiden vorgestellten Fälle werden von den beteiligten amtlichen Denkmalpflegern ganz unterschiedlich gewertet. Jerzy Stankiewicz sah 1986 in der Wiedererrichtung des spätgotischen Bürgerhauses in Danzig einen "Beweis dafür, wie sehr man sich bemüht, die bis heute nicht abgeschlossene Rekonstruktion der Fassaden der Rechtstadt unter größtmöglicher Wahrung der authentischen Formen zu betreiben".[23] In Mainz dagegen wurde die "Rekonstruktion" des Marktplatzes vehement abgelehnt. So äußerte sich Magnus Backes als Landesdenkmalpfleger von Rheinland-Pfalz 1984 mit folgenden Worten: "Wenn solche Bauvorgänge in ihrer Widersprüchlichkeit als das beurteilt werden, was sie wirklich sind, nämlich einerseits eindeutig Neubaumaßnahmen unserer Zeit und andererseits Ausdruck der politisch-öffentlichen Absage an die moderne zeitgenössische Architektur, so sind sie richtig bewertet. Werden diese Bauvorgänge jedoch als 'Maßnahme zur Erhaltung des historischen Stadtbildes' als 'vorbildliche Leistung moderner Denkmalpflege' oder als 'Tilgung von städtebaulichen Sünden der Nachkriegszeit' gefeiert [...], so äußert sich darin eine völlige Verkennung historischer Authentizität, eine Abwertung des historischen Originals [...], ja im Grunde eine 'Geschichtsverfälschung'".[24] Joachim Glatz, ebenfalls Denkmalpfleger in Rheinland-Pfalz ergänzt dazu: "Die Denkmalpflege läuft Gefahr, ihre Berechtigung zu verlieren, wenn 'Baudenkmäler' beliebig austauschbar, veränderbar und wiederholbar werden, wenn man schließlich sogar ohne das Original auskommt".[25]

 

 

 

 In diesem Sinne soll auch der erste Teil des Aufsatztitels "Die unfreiwillige Serie" zu verstehen sein. Unfreiwillig, weil es sich nicht um geplante, absichtsvolle Serien handelt. Unfreiwillig aber auch, weil diese Serien - so kurios und witzig sie aus der Distanz betrachtet auch sind - den geschichtlichen Quellenwert negieren und Denkmalpflege auf die Oberfläche reduzieren.

 

 

 

 Goethes Gartenhaus

 

 

 Als weiteres Beispiel soll das verdoppelte bzw. verdreifachte Gartenhaus Goethes in Weimar vorgestellt werden, das "doppelte Lottchen" oder auch die "doppelte Datsche" wie die Presse titelte.[26]

   
   
 
 
     

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